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Gefallene Investementbanker

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Die wichtigsten Sachen schnell in den Pappkarton – und dann für immer raus aus dem Büro: Die Finanzkrise hat Tausende Banker um ihre Jobs gebracht. In New York, London und Frankfurt belagern sie jetzt die Headhunter; viele Topkräfte müssen sich wohl künftig mit Günstig-Gehältern begnügen.

Hamburg – Investmentbanker erweckten lange nicht den Anschein, auf finanzielle Hilfe von außen angewiesen zu sein. Jahr für Jahr schöpften sie aus den Milliardenboni ihrer Arbeitgeber. Autos, Jachten und Penthäuser gehörten zu den beliebtesten Möglichkeiten, zumindest einen Teil des Geldes zügig wieder loszuwerden.

Nun, da die Finanzkrise die Bankenwelt in ihren Grundfesten erschüttert, erregt der Berufsstand vor allem Mitleid. Ein Restaurant in Chicago gewährt (Ex-) Beschäftigten der insolventen Investmentbank Lehman Brothers 50 Prozent Rabatt auf jedes Frustbier; Bewerbungsagenturen räumen den Gebeutelten Sonderkonditionen für ihre Dienste ein – auch, um einen Teil des nun plötzlich gewachsenen potentiellen Kundenkreises für sich zu gewinnen.

In der Welt der Investmentbanken ist auch für die Mitarbeiter spätestens seit der Lehman-Pleite nichts mehr, wie es war. Das gilt an der Wall Street genauso wie in London und „Mainhattan“. Die Branche, die in den vergangenen Jahren mit immer neuen Milliardengewinnen von sich reden gemacht hat, setzt ihre Angestellten samt dem Pappkarton für die persönlichen Gegenstände auf die Straße.

„Ein Universum wird demontiert und neu zusammengesetzt“, sagt Tim Zühlke, Geschäftsführer der auf die Finanzszene spezialisierten Indigo Headhunters. Die Krise gefährde schon jetzt die Jobs von 20 Prozent der Beschäftigten in der Branche. Mindestens im kommenden halben Jahr werde der Abwärtstrend anhalten.

Allein im US-Finanzsektor haben Banken bis August laut einer Studie der Beratungsfirma Challenger, Gray & Christmas angekündigt, gut 100.000 Stellen zu streichen. Der Lehman-Kollaps und die Fusion von Merrill Lynch und der Bank of America sind also noch gar nicht eingerechnet.

„Es gibt einen totalen Umbau“

In den USA ist die Finanzbranche in diesem Jahr damit Jobkiller Nummer eins und entlässt mehr Menschen als die marode Autoindustrie. Allen voran rangiert die Citigroup mit etwa 20.000 wegfallenden Stellen. In Großbritannien sieht es ähnlich aus, und in Deutschland drücken die geplanten Zusammenschlüsse von Commerzbank und Dresdner sowie Deutscher Bank und Postbank zusätzlich auf die Stimmung.

Unter dem Herzstillstand beim Investmentbanking leiden auch Banker in anderen Bereichen. „Es gibt einen totalen Umbau, bei dem am Ende nicht mehr so viele Mitarbeiter gebraucht werden“, sagt der Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Karriereportals Placement24, Tonio Riederer von Paar.

Die großen US-Investmentbanken mitsamt ihren Filialen in Europa und Asien richten sich auf schwierige Zeiten nach dem großen Crash ein. Besonders hart trifft es Mitarbeiter der Abteilungen, die sich im lange blühenden Geschäft mit Kreditderivaten sowie im Eigenhandel die Finger verbrannten.

Sie gelten als hochspezialisiert und sind in andere Abteilungen oder Wirtschaftszweige. „Diese Leute sitzen jetzt auf der Straße. Viele nehmen jetzt erstmal ein Sabbatical“, hat ein Personalexperte beobachtet. „Viele tun sich schwer, aus der Position heraus einen anderen Job in anderen Bereichen anzunehmen“, sagt Riederer.

Doch die Streichlisten der großen Institute reichen bis weit in andere Teile ihrer Häuser. Auch das Geschäft mit Übernahmen und Fusionen ist ins Stocken geraten, als Folge der durch das Fiasko mit kreditbesicherten Wertpapieren ausgelösten allgemeinen Flaute an den Märkten.

„Abschläge von 30 Prozent“

Viele Banker sehen ihre Zukunftschancen angesichts der miesen Aussichten bei den großen Häusern deshalb auf neuen Feldern. Headhunter beobachten eine wachsende Zahl von Aussteigern, die ihr Glück in der Selbstständigkeit suchen. „Startkapital und Kontakte sind häufig vorhanden“, sagt Riederer.

Vergleichsweise gut stünden die Chancen zudem bei Dax-Konzernen in den Finanzabteilungen von sowie dem Bereich Business Development. Auch manche Unternehmensberater dürften gestrandete Banker vermutlich aufnehmen.

hre Chance wittern angesichts der dramatischen Lage bei den Platzhirschen kleinere Banken und Broker. Auf der Seite WallStJobs.com schnellte die Zahl der Angebote von kleinen und mittleren Dienstleistern kurz nach dem Lehman-Kollaps plötzlich um 25 Prozent empor, wie das New Yorker Finanzjobportal berichtete.

„Wenn die großen Institute stolpern, bietet das Gelegenheit für Nischenspieler und kleinere Banken exzellente Mitarbeiter zu rekrutieren“, sagt Headhunter Zühlke. Im etwas größeren Stil macht das bereits der japanische Finanzdienstleister Nomura, der das Asien- und Europageschäft von Lehman Brothers übernimmt. Derzeit laufen in London Verhandlungen, wer zu welchen Konditionen bei dem Brokerhaus weitermachen darf.

Wer bei einer der kleineren verbliebenen Investment-Boutiquen an neuer Stelle unterkommt, hat gute Chancen, einen neuen Boom zu erleben, erwarten Branchenkenner. „Allerdings müssen sich viele zunächst mit dieser Perspektive begnügen“, sagt ein Insider. „Es wird um andere Gehälter gehen als bei den großen Wall-Street-Banken.“

An die üppigen Summen werden die Banker bei neuen Arbeitgebern voraussichtlich auch deshalb nicht anknüpfen, weil der Bonus schrumpft. Rund 50 Prozent der Entlohnung wird bei den Wall-Street-Banken in der Regel durch Bonuszahlungen geleistet. „Für die meisten Investmentbanker wird der Bonus in diesem Jahr deutlich schlechter ausfallen“, erwartet Zühlke. „Im Schnitt dürften es 30 Prozent weniger sein. Es ist naiv zu glauben, auch bei besserer Leistung 2008 besser bezahlt zu werden.“

 

Von Nils-Viktor Sorge

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